In meiner Schatzkiste liegen ganz unterschiedliche Kostbarkeiten. Jede hat ihre eigene Qualität und eröffnet mir einen anderen Blick auf den Menschen. Eine davon begleitet mich schon seit vielen Jahren: die Traditionelle Chinesische Medizin.
Wenn Menschen an Traditionelle Chinesische Medizin denken, sehen sie häufig zuerst Nadeln. Vielleicht noch Schröpfgläser, Moxa oder Heilpilze.
Auch mich hat am Anfang genau das fasziniert: Wie kann es sein, dass eine einzige feine Nadel etwas im Menschen bewirken kann?
Als ich mich ungefähr 2005 intensiver mit der TCM zu beschäftigen begann, wusste ich noch nicht, welch großes Denk- und Ordnungssystem sich hinter diesen Nadeln verbirgt. Heute ist gerade dieses Wissen für mich das eigentlich Faszinierende daran.
Die TCM ist für mich nicht einfach eine weitere Behandlungsmethode. Sie ist eine eigene Sprache, mit der ich auf den Menschen schauen kann.
Wie durch ein Schlüsselloch
Es gibt viele Möglichkeiten, den Menschen und seine Beschwerden zu betrachten. Für mich sind die unterschiedlichen Heilverfahren ein wenig wie Schlüssellöcher: Jedes eröffnet einen bestimmten Blick. Keines muss für sich beanspruchen, die einzige Wahrheit zu zeigen.
Die TCM zeigt mir Zusammenhänge.
Sie betrachtet nicht nur die Stelle, an der ein Symptom auftritt. Körperliche Beschwerden, Schlaf, Verdauung, Ernährung, Wärme und Kälte, Gedanken und emotionale Verfassung können Hinweise auf ein gemeinsames Muster geben.
Denn wir bestehen für mich nicht aus voneinander getrennten Bereichen.
Wir haben einen Körper, einen Geist, Gedanken und Gefühle, und wir haben eine Seele. In dem Moment, in dem wir hier in diesem Körper leben, ist all das miteinander verbunden.
Ich stelle mir das manchmal wie eine Familie vor, die gemeinsam unter einem Dach wohnt. Jedes Familienmitglied hat seinen eigenen Lebensbereich. Und trotzdem bekommt jeder etwas vom anderen mit. Was in einem Teil dieses Hauses geschieht, kann die anderen nicht vollkommen unberührt lassen.
So ähnlich sehe ich auch den Menschen.
Ein bisschen wie Detektivarbeit
Eine ausführliche TCM-Anamnese kann deshalb zunächst ungewohnt sein.
Natürlich interessiert mich das eigentliche Symptom. Aber dabei bleibt es nicht. Ich möchte beispielsweise wissen, wie jemand schläft, wie seine Verdauung funktioniert, ob er leicht friert oder ihm schnell heiß wird, welche Geschmacksrichtungen er bevorzugt oder wie sich seine Beschwerden genau anfühlen.
Manchmal schauen mich Menschen bei meinen Fragen erst einmal erstaunt an.
Warum möchte ich bei einem ganz anderen Problem plötzlich so genau etwas über den Stuhlgang wissen?
Weil ich nach einem Muster suche.
Während der Anamnese ist es für mich manchmal tatsächlich ein bisschen wie Detektivarbeit. Zunächst liegen viele einzelne Informationen vor mir. Dann beginnt sich eine Richtung anzudeuten. Ich frage weiter. Einzelne Beobachtungen passen plötzlich zusammen.
Und nach und nach wird das Bild schärfer.
Irgendwann kommt dieser Moment, in dem ich denke: Ja. Da ist die Tür. In diese Richtung können wir gehen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ich schon weiß, was hinter dieser Tür liegt.
Vielleicht befindet sich dahinter noch eine weitere Tür. Vielleicht eine Treppe nach unten oder eine Luke nach oben. Manchmal zeigt sich erst dann, wenn ein sehr vordergründiges Muster ruhiger geworden ist, was darunter noch gesehen werden möchte.
Auch deshalb empfinde ich die TCM als eine so feine Medizin.
Eine Nadel ist nicht einfach nur eine Nadel
Diese Feinheit zeigt sich sogar in den Akupunkturpunkten selbst.
Wir bezeichnen sie heute häufig mit nüchternen Kürzeln und Zahlen. Doch die traditionellen chinesischen Punkte tragen Namen – und viele davon sind ausgesprochen bildhaft.
Da begegnen uns Tore, Täler, Teiche, Meere oder Paläste.
Diese Namen sind nicht einfach Schmuck. In ihnen steckt etwas vom überlieferten Verständnis der Qualität eines Punktes.
Und selbst wenn ein Punkt ausgewählt ist, ist damit längst nicht alles entschieden.
Soll er mit einer Nadel behandelt werden? Mit Wärme? Mit Moxa, Gua Sha oder einem Schröpfglas? Soll etwas angeregt oder beruhigt werden? Welche anderen Punkte werden mit ihm kombiniert?
Ein einzelner Akupunkturpunkt ist für mich deshalb nicht wie ein Knopf, auf dem beispielsweise „Kopfschmerzen“ steht und den ich nur drücken muss.
Die Behandlung entsteht aus dem Muster des Menschen, der vor mir liegt.
Vielleicht ist es gerade diese Differenziertheit, die die TCM einerseits so faszinierend und andererseits so anspruchsvoll macht.
Wenn der eigene Körper wieder interessant wird
Eine TCM-Anamnese hat für mich noch einen weiteren, schönen Nebeneffekt.
Viele Menschen haben irgendwann aufgehört, ihren Körper wirklich wahrzunehmen. Vielleicht haben wir schon als Kinder gehört: „Sei nicht so empfindlich“ oder „Horch nicht immer so in dich hinein.“
Natürlich kann es Situationen geben, in denen es hilfreich ist, nicht jede kleine Empfindung zu beobachten.
Aber manchmal geht dabei auch etwas anderes verloren: das Wissen darum, wie es mir eigentlich geht.
Durch meine Fragen kann ein Mensch plötzlich entdecken, dass verschiedene Dinge, die er bisher vollkommen getrennt betrachtet hat, möglicherweise zusammengehören.
Die trockene Haut. Der Schlaf. Die Verdauung. Das Frieren. Ein Schmerz.
Und manchmal verändert sich im Laufe einer Behandlung sogar etwas, das ursprünglich überhaupt nicht der Grund für die Behandlung war.
Eine Patientin erzählte mir beispielsweise irgendwann ganz überrascht, dass die starke Hornhaut an ihren Füßen verschwinde. Dabei hatten wir sie überhaupt nicht wegen ihrer Hornhaut behandelt.
Solche Beobachtungen finde ich immer wieder faszinierend.
Sie erinnern mich daran, dass wir Menschen eben keine Ansammlung einzelner Ersatzteile sind.
Behandeln – und dann Raum lassen
Wenn die Nadeln gesetzt sind, wird es in meinem Behandlungsraum meistens still.
Leise Musik, eine angenehme Decke, eine geschützte Atmosphäre. Das Handy bleibt aus. Meist verlasse auch ich den Raum und bleibe in Hörweite.
Denn jetzt muss der Patient nichts tun.
Und auch ich muss für einen Moment nichts mehr tun.
Der Mensch darf bei sich bleiben und sich der Behandlung öffnen – vielleicht ganz bewusst, vielleicht auch, ohne dass er es überhaupt so nennen würde.
Ich empfinde diese Zeit nicht einfach als Wartezeit, bis ich die Nadeln wieder entferne. Sie gehört für mich zur Behandlung.
Denn Heilung bedeutet für mich nicht nur, dass ein störendes Symptom möglichst schnell verschwindet. Sie kann auch bedeuten, wieder wahrzunehmen, Zusammenhänge zu erkennen und mit sich selbst in Beziehung zu kommen.
Vielleicht berührt mich die TCM gerade deshalb bis heute so sehr.
Sie ist für mich weder die einzige Möglichkeit, auf einen Menschen zu schauen, noch die einzige Sprache, in der sich Heilung verstehen lässt.
Aber sie ist eine der Sprachen, die ich sehr schätze.
Die TCM ist für mich ein Kleinod, das Jahrtausende überlebt hat und ein tiefes Wissen mit sich bringt.
Und genau deshalb hat sie ihren festen Platz in meiner Schatzkiste.
Von Herzen
Nathalie · Ninaân

