Was bedeutet es eigentlich, heil zu sein? Ist ein Mensch heil, wenn sein Körper gesund ist? Wenn er keine Schmerzen hat, seine Laborwerte stimmen und medizinisch keine Erkrankung festgestellt werden kann?
Für mich greift dieses Verständnis von Heilung zu kurz. Ein Mensch kann körperlich gesund sein und sich dennoch innerlich immer weiter von sich selbst entfernen. Er kann funktionieren, seinen Alltag bewältigen und nach außen ein scheinbar vollkommen normales Leben führen – und dabei innerlich verkümmern.
Umgekehrt kann ein Mensch körperlich krank oder eingeschränkt sein und dennoch mit sich und seinem Leben im Reinen sein. Wenn ich diese beiden Menschen betrachte, empfinde ich denjenigen als „heiler“, der ohne ständigen Widerstand mit sich und seinem Leben verbunden ist.
Annahme ist nicht Resignation
Ohne Widerstand mit einer körperlichen Erkrankung oder Einschränkung zu leben bedeutet für mich nicht, aufzugeben oder nichts mehr verändern zu wollen. Es bedeutet zunächst einmal, das anzunehmen, was jetzt ist.
Das habe ich selbst sehr eindrücklich erfahren. Drei Tage vor Beginn meiner ersten zweiwöchigen Intensiv-Yogalehrerausbildung konnte ich morgens plötzlich nur noch unter starken Schmerzen aufstehen. Die ersten dreißig Minuten des Laufens waren eine Qual. Gleichzeitig konnte ich meine Hände nicht mehr richtig benutzen. Besonders am Mittelfinger meiner rechten Hand schien die Sehne verdickt, verkürzt und entzündet zu sein.
Und nun lagen zwei Wochen mit täglich mehreren Stunden Yoga vor mir. Plötzlich konnte ich viele Asanas, die kurz zuvor selbstverständlich gewesen waren, nicht mehr auf die gewohnte Weise ausführen.
Natürlich gab es Momente von Wut, Traurigkeit und Widerstand. Aber zunehmend geschah etwas anderes: Ich begann darauf zu vertrauen, dass auch diese Situation ihren Platz in meinem Leben haben durfte. Also suchte ich nach Möglichkeiten.
Ich nahm Blöcke und Kissen zur Hilfe und unterstützte meinen Körper so, wie er es in diesem Moment brauchte. Den herabschauenden Hund und sogar die Krähe übte ich auf Blöcken, weil ich meine Hände nicht flach auf den Boden legen konnte.
Ich resignierte nicht. Aber ich kämpfte auch nicht mehr ständig dagegen an. Ich machte das Beste aus dem, was gerade war.
Und dabei lernte ich etwas, das mir ein vollkommen gesunder Körper vielleicht niemals auf diese Weise hätte vermitteln können: Ich bekam eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen kann, mit körperlichen Einschränkungen Yoga zu praktizieren – und dass eine Asana nicht weniger wertvoll ist, nur weil ein Körper sie anders ausführt.
Vielleicht ist genau das für mich Annahme: nicht aufgeben, sondern aufhören, gegen das anzukämpfen, was im Augenblick ohnehin da ist.
Wenn wir uns selbst verlassen
Heilung hat für mich aber noch eine andere Ebene. Sie hat sehr viel mit Authentizität zu tun.
Wir Menschen brauchen Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Wir nehmen Rücksicht, stellen unsere eigenen Wünsche manchmal zurück und passen uns an. Das gehört zum Zusammenleben und kann etwas sehr Schönes sein.
Schwierig wird es, wenn aus einem zeitweiligen Zurückstellen ein dauerhaftes Verlassen der eigenen Bedürfnisse wird. Schon als Kinder lernen wir, uns unserem Umfeld anzupassen. Wenn bestimmte Seiten von uns nicht erwünscht sind, lernen wir vielleicht irgendwann, sie nicht mehr zu zeigen. Der Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit kann sehr groß sein.
Aber was geschieht, wenn wir uns dafür immer weiter von uns selbst entfernen?
Für mich ist es ein wenig wie mit einer Pflanze, die auf einem Boden wächst, der ihr nicht entspricht. Sie lebt noch. Aber sie kann sich nicht so entfalten, wie es eigentlich in ihrer Natur läge.
Was ganz innen bleibt
Ich glaube, dass es in jedem lebenden Wesen etwas gibt, das dabei niemals wirklich verloren geht. Man könnte es Lebenskraft nennen. Essenz. Inneres Licht. Vielleicht auch den „Odem Gottes“.
In den Augen eines Babys kann ich diese Kraft manchmal besonders deutlich wahrnehmen. Auch bei Tieren begegnet sie mir. Und manchmal treffe ich einen erwachsenen Menschen, bei dem etwas von innen heraus zu strahlen scheint.
Für mich ist diese Kraft da, solange wir leben. Sie kann verschüttet sein. Vielleicht glimmt sie manchmal nur noch wie ein kleines Feuer unter der Asche. Wolken können sich davor schieben und unseren Blick auf die Sonne verdecken.
Aber die Sonne ist deshalb nicht verschwunden. Und auch die Glut ist noch da.
Vielleicht bedeutet Heilung deshalb für mich auch, durch die Wolken hindurch wieder etwas von diesem inneren Licht wahrzunehmen und der Glut genügend Raum zu geben, damit daraus wieder ein Feuer werden kann.
Schmerz und Leid sind für mich nicht dasselbe
Auch Schmerz gehört zum Leben. Schmerz kann unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken. Er kann uns zum Innehalten bringen und manchmal auch dazu, genauer hinzuschauen.
Dabei unterscheide ich für mich zwischen Schmerz und Leid:
Schmerz ist ein Zustand. Leid entsteht für mich dort, wo ich gegen diesen Zustand ankämpfe.
Das bedeutet nicht, Schmerzen schönzureden oder sie nicht behandeln zu lassen. Und es bedeutet auch nicht, jedes schwere Erlebnis einfach hinnehmen zu müssen.
Aber ich kann mich fragen: Was geschieht gerade in mir? Was berührt mich so sehr? Was erzählt mir meine Wut, meine Sehnsucht, meine Trauer oder meine Angst vielleicht über mich selbst?
Nicht jedes Gefühl muss eine verborgene Botschaft enthalten. Aber manches Gefühl kann zu einer Tür werden, durch die ich mir selbst ein Stück näherkomme.
Der Weg zurück zu mir
Auch in meinem eigenen Leben gab es eine lange Zeit, in der ich eine große Sehnsucht danach hatte, geliebt zu werden. Die äußeren Umstände konnten diese Sehnsucht nicht erfüllen, und daraus entstanden für mich viele Jahre des Schmerzes und auch des Leidens.
Durch Meditation und Bewusstseinsarbeit begann ich irgendwann, immer mehr mit mir selbst in Kontakt zu kommen. Und dabei erkannte ich etwas, das mein Leben verändert hat:
Der Mensch, der mich so lieben kann, wie ich bin, bin ich selbst.
Ich kenne mich von meinem ersten bis zu meinem letzten Atemzug. Niemand kennt mich so, wie ich mich kenne.
Seit ich das wirklich verstanden habe, hat sich etwas Grundlegendes verändert. Mein Gefühl, geliebt und liebenswert zu sein, ist nicht mehr davon abhängig, ob mir ein anderer Mensch diese Bestätigung geben kann.
Natürlich brauchen wir Menschen andere Menschen. Wir brauchen Nähe, Gemeinschaft und Verbindung. Selbstliebe bedeutet für mich nicht, niemanden mehr zu brauchen. Aber ich muss mich nicht mehr selbst verlassen, um von einem anderen Menschen geliebt zu werden.
Vielleicht ist auch das Heilung.
Und was bedeutet das in meiner Praxis?
Wenn mir ein Mensch in meiner Praxis begegnet, sehe ich deshalb nicht nur einen Körper und nicht nur ein Symptom.
Natürlich können körperliche Beschwerden eine körperliche Diagnostik und Behandlung benötigen. Gleichzeitig interessiert mich der Mensch, der in diesem Körper lebt.
Wie nimmt er sich selbst wahr? Wie geht er mit seinem Körper um? Wie lebt er? Was braucht er? Was tut ihm gut? Wo liegen seine Grenzen? Und kann er sie wahrnehmen?
Ich möchte niemandem erklären, wie er zu leben hat. Und ich kann keinen anderen Menschen „heil machen“. Aber ich kann ihn ein Stück seines Weges begleiten.
Mein Wunsch ist, dass dabei neben der Beschäftigung mit den körperlichen Beschwerden auch Raum für eine innere Bewegung entstehen darf: hin zu mehr Eigenwahrnehmung, mehr Verbindung mit sich selbst und vielleicht zu einem liebevolleren Umgang mit dem eigenen Leben.
Denn für mich gehören Körper, Geist und Seele zusammen.
Dem eigenen Weg vertrauen
Ich weiß nicht immer, wohin mein eigener Weg führt. Aber inzwischen kenne ich dieses leise innere Gefühl: So ist es richtig. Das fühlt sich stimmig an.
Dann gehe ich weiter – auch wenn ich das Ziel noch nicht sehen kann.
Vielleicht müssen wir die Sonne gar nicht ständig suchen. Vielleicht dürfen wir lernen, den Wolken nicht so viel Macht zu geben.
Schritt für Schritt.
Im Vertrauen darauf, dass unsere Füße einen Weg finden können, der uns wieder näher zu unserem eigenen inneren Licht führt.
Das bedeutet Heilung für mich.
Von Herzen
Nathalie * Ninaân

