Der Mensch hinter den Beschwerden – warum die Erstanamnese für mich so wichtig ist

Patientin im ausführlichen Anamnesegespräch in einer Naturheilpraxis

„Erzählen Sie mir einfach einmal, warum Sie hier sind und alles, was Ihnen dazu einfällt.“

So beginne ich in der Regel eine Erstanamnese in meiner Praxis. Ich könnte natürlich sofort anfangen, meinen Fragenkatalog abzuarbeiten. Meine Erfahrung hat mir aber gezeigt, dass es sinnvoller ist, zunächst einmal zuzuhören.

Denn wer mit Beschwerden zu mir kommt, bringt meist nicht nur ein einzelnes Symptom mit. Da sind Gedanken darüber, wann alles angefangen hat, Erfahrungen mit bisherigen Behandlungen, eigene Vermutungen – und häufig auch einfach das Bedürfnis, erst einmal in Ruhe berichten zu dürfen.

Zuhören ist bereits ein Teil der Anamnese

Während mein Gegenüber spricht, erfahre ich mehr als nur medizinische Fakten. Ich höre, was der Mensch selbst für wichtig hält, welche Zusammenhänge er sieht und welche Schlussfolgerungen er bereits gezogen hat.

Gleichzeitig nehme ich wahr: Wie spricht jemand über seine Beschwerden? Wie ist seine Körpersprache? Wie atmet er? Wie hält er Blickkontakt?

All das sind zunächst einmal Wahrnehmungen und Hinweise. Sie ersetzen weder eine Untersuchung noch erlauben sie vorschnelle Schlussfolgerungen. Aber sie können helfen, ein umfassenderes Bild zu bekommen.

Erst danach ergänze ich gezielt die Informationen, die im freien Gespräch noch fehlen. Dazu gehören beispielsweise Beginn und Verlauf der Beschwerden, bisherige Untersuchungen und Behandlungen, Medikamente und Unverträglichkeiten, aber auch Verdauung, Schlaf, Energie und Belastbarkeit, Ernährung, Bewegung oder die aktuelle Lebenssituation.

Manchmal liegt der entscheidende Hinweis ganz woanders

Warum frage ich nach der Verdauung, wenn jemand beispielsweise wegen Husten zu mir kommt?

Ein Fall aus meiner Praxis zeigt sehr schön, warum ein etwas weiterer Blick manchmal hilfreich sein kann.

Ein Patient kam wegen eines Hustens zu mir, der bereits seit Monaten bestand. Er hatte zahlreiche Arztbesuche hinter sich. Verschiedene auf die Atemwege und die Lunge ausgerichtete Behandlungen hatten jedoch keine Besserung gebracht.

Im Gespräch nahm ich wahr, dass er privat und beruflich unter erheblichem Dauerstress stand. Als wir später über seine Verdauung sprachen, berichtete er auch über einen vor allem nachts auftretenden Reflux. Weitere Angaben, unter anderem zum Stuhlgang, fügten sich zunehmend in dieses Bild ein.

Im Gesamtbild ergab sich der Verdacht, dass der nächtliche Reflux bis in den Kehlkopfbereich reichte und dort zu einer anhaltenden Reizung beitrug, die den Husten unterhalten konnte. Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin zeigte sich bei ihm zugleich ein Muster, das dort als „Magenfeuer“ bezeichnet wird.

Wir richteten die Behandlung entsprechend neu aus – und der Husten verschwand.

Dieses Beispiel ist natürlich nicht auf jeden chronischen Husten übertragbar. Es zeigt aber, warum ich mich bei einer Anamnese nicht ausschließlich auf den Körperbereich konzentriere, in dem sich ein Symptom bemerkbar macht.

Nicht alles muss beim ersten Termin geklärt werden

Eine Erstanamnese dauert bei mir meist etwa eine bis eineinhalb Stunden. Das ist intensiv – für den Patienten und auch für mich.

Deshalb versuche ich nicht, in diesen Termin jede nur denkbare Frage hineinzupacken.

Nach dem Ersttermin erhält der Patient von mir eine ausführliche Online-Zusatzanamnese, die er zuhause in Ruhe ausfüllen kann. Dort geht es unter anderem um Informationen, die man häufig gar nicht spontan beantworten kann. Welche Kinderkrankheiten hatte ich eigentlich? Welche Impfungen habe ich bekommen? Welche Erkrankungen kommen in meiner Familie vor?

Zuhause besteht die Möglichkeit, Unterlagen herauszusuchen oder in der Familie nachzufragen.

Und es gibt auch einen ganz praktischen Grund: Ich möchte die Behandlungszeit, die der Patient bezahlt, möglichst sinnvoll nutzen. Angaben, für die zuhause erst der Impfpass gesucht oder in der Familie nachgefragt werden muss, müssen wir nicht gemeinsam in der Praxis zusammentragen.

Und was geschieht mit all diesen Informationen?

Die Zusatzanamnese landet bei mir nicht einfach in der Patientenakte.

Ich gehe die Ergebnisse und Auffälligkeiten systematisch durch und gleiche sie mit dem ab, was sich im persönlichen Gespräch bereits gezeigt hat. Manchmal bestätigt sich mein erster Eindruck. Manchmal öffnet sich eine ganz neue Spur.

Daraus können weitere Fragen oder Untersuchungen entstehen. Gelegentlich kristallisiert sich auch ein anderer therapeutischer Ansatz heraus als derjenige, an den wir zunächst gedacht hatten.

Spezielle Anamnesen kommen nur dann hinzu, wenn sie tatsächlich benötigt werden. Entscheiden wir uns beispielsweise gemeinsam für eine Behandlung mit Traditioneller Chinesischer Medizin, stelle ich weitere TCM-spezifische Fragen und beziehe unter anderem Zungen- und Pulsdiagnostik mit ein.

Welchen Weg gehen wir?

Am Ende einer ausführlichen Anamnese möchte ich nicht einfach eine Therapie festlegen und meinem Patienten mitteilen, was nun gemacht wird.

Ich erläutere, welche Therapie oder welche Kombination verschiedener Ansätze ich aufgrund meiner Einschätzung für sinnvoll halte. Anschließend besprechen wir, welchen Weg der Patient bereit ist mitzugehen.

Denn ich wünsche mir einen mündigen Patienten. Einen Menschen, der Fragen stellt, Entscheidungen mitträgt und auch bereit ist, sich gelegentlich kritischen Fragen zu stellen oder die eine oder andere Gewohnheit und Lebensweise zu überdenken.

Ich begleite meinen Patienten – aber er bestimmt mit, welchen Weg wir letztendlich gehen.

Und wenn er nach unserer ersten ausführlichen Begegnung das Gefühl hat, mit seinem Anliegen ernst genommen worden und gut aufgehoben zu sein, dann ist bereits etwas Wichtiges geschehen.

Von Herzen
Nathalie · Ninaân