Manchmal ist die Frage eine andere

Meditations- und Yogaraum Seelenoase mit petrolfarbenem Lebensbaum an der Wand.

Manches ist längst Teil unseres Lebens, bevor wir erkennen, wohin es uns führen möchte.

Für mich war das die Musik.

Ich sang, hatte klassischen Gesangsunterricht und entschied mich schließlich dafür, Gesang als Instrument in meinem Musik-Leistungsfach bis zum Abitur zu wählen. Musik nahm immer mehr Raum in meinem Leben ein. Und je mehr ich sang, desto mehr fand ich auch zu mir selbst.

Denn beim Singen kann man sich kaum verstecken. Man hat kein Instrument vor sich, hinter dem man sich festhalten kann. Man selbst ist das Instrument. Ich bemerkte schon damals: Wenn ich nicht in meiner Mitte war, hörte man es. Singen war deshalb nicht nur Musik. Es war immer auch innere Arbeit.

Als die Stimme plötzlich verstummte

Im Winter vor der Oberstufe erkrankte ich schwer an einer Lungenentzündung. Über Monate war ich geschwächt, hustete nachts, verlor fast vollständig meine Stimme und wusste irgendwann nicht mehr, wann und ob ich wieder richtig singen können würde.

Für mich war das nicht nur körperlich schwer. Gerade in dieser Zeit fand an meiner Schule das Auswahlverfahren für ein Musicalprojekt statt, bei dem ich sehr gerne mitgemacht hätte. Doch ich konnte mich nicht für eine Solostimme bewerben. Am Ende konnte ich zumindest im Chor dabei sein.

Bis ich mich wirklich erholt hatte, verging ungefähr ein halbes Jahr.

Doch die Stimme kam zurück.

Und mit ihr die Musik.

Später wurde ich nach einem Vorsingen in den Kammerchor des Landes Baden-Württemberg aufgenommen und durfte beim Deutschen Requiem von Johannes Brahms mitsingen. Wir probten gemeinsam, reisten durch Baden-Württemberg und waren vollkommen von Musik umgeben.

Ich erinnere mich an eine Probe, bei der wir mit geschlossenen Augen durch einen großen Saal gingen und miteinander über Klang, Rhythmus und Lautstärke in Verbindung traten.

Es war eine der schönsten Zeiten meines Lebens.

Ich konnte mich der Musik hingeben und mit ihr fließen. Die Kraft war wieder da – als wäre sie nie fort gewesen.

Eigentlich hätte die Geschichte nun ganz einfach weitergehen können.

Musikhochschule. Gesang. Musik.

Doch da war noch etwas anderes in mir.

Zwei Sehnsüchte

Neben der Musik gab es eine zweite, ebenso starke Sehnsucht: Ich wollte Menschen auf ihrem Weg zur Heilung begleiten.

Eine Zeit lang dachte ich über ein Medizinstudium nach, entschied mich schließlich dagegen und begann eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Schon während dieser Ausbildung wusste ich jedoch, dass auch das nicht mein endgültiger Weg sein würde. Ich wollte Heilpraktikerin werden.

2006 legte ich schließlich meine Heilpraktikerprüfung ab.

Und die Musik?

Die verschwand nie.

Immer wieder tauchte in meinem Leben dieselbe Frage auf:

Willst du nicht doch Musik machen?

Und immer wieder antwortete ich innerlich:

Nein. Mein Weg ist die Heilung.

Ich glaubte, mich entscheiden zu müssen.

Musik oder Heilung.

Heute muss ich darüber beinahe ein wenig schmunzeln. Denn vielleicht habe ich all die Jahre die Frage falsch verstanden.

Vielleicht fragte das Leben gar nicht:

Welchen der beiden Wege möchtest du gehen?

Vielleicht fragte es:

Wann beginnst du, beide miteinander zu verbinden?

Die ersten Hinweise

Diese Erkenntnis kam nicht mit einem großen Aha-Moment. Sie näherte sich mir über Jahre – und ich brauchte offenbar einige Hinweise. Manchmal auch ziemlich deutliche.

Während meiner Ausbildung zur spirituellen Heilerin kamen beim intuitiven Arbeiten plötzlich Töne und Gesang aus mir heraus. Andere Teilnehmer erzählten mir, dass mein Gesang etwas tief in ihnen berühre.

Ich nahm das wahr. Ich fand es wunderschön.

Und dann machte ich erst einmal – nichts daraus.

Ich traute mich beispielsweise nicht, bei einem Patienten, der vor mir auf der Liege lag, einfach zu singen. Zu ungewohnt war der Gedanke, meine Stimme wirklich in meine therapeutische Arbeit hineinzunehmen.

Ein weiteres Erlebnis hatte ich einige Zeit später bei einem spirituellen Kongress in der Schweiz. Dort besuchte ich einen Workshop bei Krisztina Németh, einer klassisch ausgebildeten Opernsängerin, die heute mit „Healing Voice“ arbeitet.

In einer Übung stimmten wir uns singend auf einen anderen Menschen ein. Die Person hatte zuvor einen Ort oder ein Bild auf einen Zettel geschrieben, ohne dass wir wussten, was darauf stand.

Während ich sang, erschien vor meinem inneren Auge ein Tal mit einem Fluss und Bäumen.

Genau dieses Bild hatte mein Gegenüber aufgeschrieben.

Was dieses Erlebnis objektiv bedeutete, muss ich gar nicht erklären. Entscheidend ist, was es in mir auslöste.

Ich begann immer stärker zu spüren, dass meine Stimme für mich mehr sein könnte als ein musikalisches Ausdrucksmittel. Dass ich sie als Gabe verstehen darf. Und dass vielleicht gerade dann etwas durch sie geschehen kann, wenn ich nicht leisten, beeindrucken oder ein bestimmtes Ergebnis erreichen möchte – sondern mich öffne und geschehen lasse.

Und dann kam Yoga

Noch deutlicher wurde die Verbindung durch meine Yogalehrerausbildung.

Bhakti Yoga, Mantras und Sanskrit eröffneten mir einen neuen Zugang zur Kraft von Stimme und Klang. Auf einmal begegneten sich Welten, die ich so lange getrennt betrachtet hatte.

Heilung.

Yoga.

Spiritualität.

Musik.

Gesang.

Zwei hölzerne Wegweiser mit den Worten „Entweder“ und „Oder“ an einem Weg in einer Landschaft im Abendlicht.

Später begann ich Yin Yoga zu unterrichten und traute mich immer häufiger, auch in meinen Stunden zu singen. Schließlich zog ein Harmonium bei mir ein. Und mit ihm wurde der Gesang noch selbstverständlicher.

Eine Fortbildung zur Mantra-Yogalehrerin vertiefte diesen Weg weiter.

Und als ich vor einiger Zeit meine eigene berufliche Entwicklung für meine Homepage chronologisch betrachtete, musste ich plötzlich lachen:

Ganz am Anfang stand die Musik.

Danach kamen all die Ausbildungen und Stationen meines therapeutischen und spirituellen Weges.

Und am vorläufigen Ende?

Stand wieder die Musik.

Da war er plötzlich, der Kreis, den ich jahrzehntelang nicht gesehen hatte.

Wenn ich heute singe

Heute singe ich fast überall.

Beim Spazierengehen. Zu Hause. Im Treppenhaus. Oben. Unten. Eigentlich immer dort, wo es mich gerade überkommt.

Mein Partner kann davon vermutlich ein Lied singen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Und selbst meine Hündin hat irgendwann genug. Wenn ich mich mit meinem Harmonium hinsetze und gar nicht mehr aufhören möchte, kommt sie irgendwann zu mir, legt mir ihre Tatze aufs Knie und schaut mich sehr eindeutig an.

Dann weiß ich: Für heute ist es offenbar genug mit der musikalischen Hingabe.

Doch mein Gesang erzählt mir auch viel darüber, wie es mir geht.

Wenn ich frei singen kann, geht es mir meistens gut. Gleichzeitig kann das Singen mir helfen, wenn es mir gerade nicht gut geht.

Beim Singen spüre ich Wärme. Freude. Und eine tiefe Verbundenheit mit mir selbst, mit meiner Essenz.

Manchmal beginne ich und möchte einfach nicht mehr aufhören.

Dann bin ich einfach glücklich.

Was würde ich meinem jüngeren Ich heute sagen?

Natürlich empfinde ich manchmal Bedauern.

Vielleicht wäre manches in meinem Leben leichter gewesen, wenn ich früher verstanden hätte, dass ich mich nicht zwischen meinen beiden großen Sehnsüchten entscheiden muss. Vielleicht hätte ich mich früher vollständiger oder erfüllter gefühlt.

Und trotzdem würde ich meinem jüngeren Ich heute nicht einfach sagen:

Mach doch beides!

Ich würde mich neben diese junge Frau setzen, die nach dem Abitur vor ihrer Entscheidung steht, und sie fragen:

Was ist für dein Leben wichtig?

Was braucht deine Seele?

Wann fühlst du dich ganz?

Und dann würde ich ihr Zeit lassen.

Vielleicht würde es mehrere Gespräche brauchen. Vielleicht müsste sie einige Umwege gehen.

Denn ich würde wollen, dass sie ihre Antwort selbst findet.

Nicht, weil jemand ihr sagt, welchen Weg sie gehen soll, sondern weil sie irgendwann tief in sich erkennt:

Ich möchte keines von beiden missen.

Vielleicht musste auch ich deshalb einige meiner Wege genau so gehen, wie ich sie gegangen bin.

Ich weiß heute, wie es sich anfühlt, wenn ein wesentlicher Teil von mir keinen Raum bekommt. Und vielleicht kann ich gerade deshalb heute umso deutlicher spüren, was Ganzsein für mich bedeutet.

Ja, ich spüre ein gewisses Bedauern. Aber da ist auch Verständnis und Frieden.

Es hat so sein dürfen.

Und angekommen bin ich damit noch lange nicht.

Ich weiß nicht, wohin mich diese Verbindung von Musik, Yoga, Heilung und Spiritualität noch führen wird. Vielleicht werde ich irgendwann ganz selbstverständlich bei einer Behandlung singen. Vielleicht entstehen Formen meiner Arbeit, die ich heute noch gar nicht kenne. Vielleicht kommen entscheidende Impulse von Menschen, die mir begegnen.

Ich werde es nicht festlegen.

Denn vielleicht besteht mein Weg heute gerade darin, nicht mehr vorschnell zu entscheiden, was daraus werden soll.

Sondern hinzuhören.

Mich zu öffnen.

Und dem zu folgen, was durch mich ins Leben möchte.

Von Herzen
Nathalie · Ninaân